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Spurensuche oder auch ich bin ein Berliner

Wer ist Wolfgang Herrschaft?
Er lebte im Berlin der 30er Jahre, sah die Judenverfolgung, überlebte Fliegerbombennächte und bekam das Elend der endlosen Flüchtlingstrecks mit. Doch er hatte das Glück, auf seine persönliche Weise den Einmarsch der Befreiungsarmeen aus der Sowjetunion nicht nur zu überstehen, sondern als ersten Schritt in den weltweiten Frieden – eine Welt ohne Krieg und Verwüstung – zu begreifen.

Dem Leser wird das durchaus mit Fehlern behaftete Leben eines geforderten und geförderten Wissenschafts- und Wirtschaftsfunktionärs aus der nichtkapitalistischen Weltordnung vor Augen geführt, mit allen möglichen Höhen und Tiefen. Mit dem Beitritt der DDR zur BRD wird seine bisherige Heimat, das Gebiet der DDR, Kolonialland, und die darauf folgenden Veränderungen haben unmittelbare Auswirkungen auf sein Leben.

Ein spannendes Buch über das Leben im Osten, das sich nicht zuletzt mit Vorurteilen und der Besserwisserei des Westens aufräumt und wertvolle Einblicke gibt.

 

Monika oder der Weg führt nach Washington

Gekürztes Kapitel IV zum Spionage Roman
Trifft Monika die Zielperson?

Ein Vertrauter des Staatspräsidenten, Mister John, bereitet dessen Ankunft in Frankfurt
am Main vor und hört von einer attraktiven Frau, die auffällt und alle etwaigen
Liebhaber abweist.
Monika erhält einen Anruf in ihrem Zimmer in Fleming`s Hotel Frankfurt.
„Hallo, Miss Monika?! Hier John. Sagt Ihnen mein Name etwas?“
„Ebenfalls, Hallo, Was gibt es?“, vorsichtig meldet sich Monika und hofft, dass es
der ihr angekündigte Anrufer ist.
„Miss Monika, ist es möglich, dass wir uns heute Abend in der Hotelbar treffen?“
, höflich und angenehm klingt diese Stimme. Über Umwege war ihr tags zuvor
angekündigt worden, dass sich ein Mister John bei ihr melden wird.
Sie stimmt der Einladung zu.
„Ich bin um 21Uhr in der Hotelbar“, sie wirft noch einen Blick auf ihre
Armbanduhr und stellt fest, dass sie noch eine Stunde Zeit hat.
Sie geht gleich ins Bad.
`Klopft mein Herz jetzt merkbarer? `, Ich will mich nicht mit Selbstgesprächen
aufhalten, und schaltet das Radio ein, um Nachrichten, die das Hotel für wichtig hält,
abzuhören.Am Vortag hatte ihr ein „Guter Geist“ eine Visitenkarte zugesteckt,
auf der der Name und der ungefähre Termin des Anrufs vermerkt waren.
Sie badet, macht sich hübsch, zieht ihr grünes Cocktailkleid an, legt eine kleine
Perlenkette um und staunt, dass sie schon 10 Minuten vor der Zeit an der Zimmertür
steht und bereit ist, zu gehen. Vorher nimmt sie noch das abhörsichere Handy aus
dem Koffer und schickt eine SMS an Dr. Horn. Schließlich muss er Bescheid wissen,
denn wozu braucht sie sonst einen Führungsoffizier?!
Als sich die Tür des Fahrstuhls öffnet, kommt ihr lauter Lärm entgegen, auch
Gläsergeklapper und Rauchwolken.
„Diese blöden Raucher“, sagt sie vor sich hin. Ihr Blick fällt auf einen gut gekleideten
Herrn, der sich auffallend von seinem Hocker löst und auf sie zukommt.
„Hallo, ich bin John, Miss Monika?.“
„Als wäre er unsicher darüber, wer ich bin“, denkt sie und bittet ihn:
“Könnten wir an die frische Luft gehen, mir sind die Luft und der Lärm mehr
als lästig“, und hakt sich gleich charmant lächelnd bei ihm ein.
„Eigentlich wollte ich mich nur vergewissern, dass Sie so umgänglich und attraktiv
sind, wie es mir gesagt wurde“, bemerkt er lächelnd.
Er steuert zielstrebig einen kleinen Ecktisch an, zieht galant den Stuhl hervor und
gibt auch gleich dem heran eilenden Kellner die Order:
„Zwei Glas Champagner“, ohne seine Begleiterin auch nur andeutungsweise zu
fragen.Monika hat diese Szene genau beobachtet, und sie wartet auf eine Gelegenheit,
sich dafür zu rächen.
`Wer bin ich denn, Mister Ami, bloß, weil du reich bist…?`, denkt sie so vor sich hin.
Doch der ist mit sich und seinem Auftrag beschäftigt und registriert nichts.
Der diensteifrige Kellner kommt schon zurück, stellt beide Gläser auf den Tisch und
verschwindet wieder.
Monika, die eigentlich etwas verärgert ist, nimmt sich ungebeten ein Glas und nippt
mit spitzen Lippen daran.
„Kommen Sie auf den Punkt, wie man bei uns in Leipzig sagt “, holt sie zum
Schlagabtausch aus.
„Einige meiner Freunde wollen sich morgen zum zweiten Frühstück treffen.
Könnten Sie auch kommen?“
„Welche Uhrzeit schwebt Ihnen denn vor?“, kecker geworden, hüllt sie sich fast ins
Schweigen.
„Es ist 10 Uhr vorgesehen, aber wir sind variabel“, reagiert John.
„Ich habe bis zu dieser Zeit ein Fitnesstraining, dann muss ich mich noch
frisch machen“, wirft sie ein, auch um zu testen, wie weit sie gehen kann.
„Na, gut, wir tolerieren eine Verspätung bis 10Uhr30!“ und schließt gleich die Frage
an, ob sie auch etwas essen würde. Er hatte in der Zwischenzeit sich in der
ausliegenden Speise schon schlau gemacht und reichte sie ihr.
Während Monika nun mit der Suche einer angemessenen Speise beschäftigt ist,
mustert John seine ihm empfohlene Begleiterin. Schließlich muss er spätestens
morgen eine Entscheidung fällen.
Monika lässt sich Zeit und überlegt, ob sie überhaupt hungrig ist und etwas
essen möchte
„Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung?“, versucht John das Gespräch fortzusetzen.
„Wollen Sie wissen, was ich, wenn ich es zu entscheiden hätte, morgen nach dem
gemeinsamen Frühstück am liebsten treiben würde“, entgegnet sie und legt die
Speisekarte zur Seite.
„Ja, vielleicht“, Mister John setzt sich zurecht und trinkt das Sektglas aus.
„Am besten wäre ein Spaziergang in den Frankfurter Zoo. Ich liebe Tiere und
besonders wilde. Früher war es für mich, da meine Familie in der Nähe von
Leipzig wohnte, üblich zum Leipziger Zoologischen Garten zu fahren und die
verschiedenen Tiere zu beobachten oder, wenn das erlaubt war, sie auch zu füttern.
Gibt es in Ihrer Heimat auch zoologische Gärten?“, fragt sie und will dem
vermutlichen Amerikaner auch mal etwas Privates entlocken.
Da unterbricht der Kellner das Gespräch: „Darf es noch etwas sein?“
Mister John nutzt die Gelegenheit, und verlangt die Rechnung und weicht
damit der Antwort aus.
„Ich würde mich gern verabschieden“ sagt er, steht auf, beugt sich über Monikas
Hand und deutet einen Kuss an.
„Also bis zum Frühstück“, lächelt er borniert grinsend und zieht ab.
Monika weiß noch nicht, was sie von dem Ami halten soll, der verständlich
Deutsch spricht aber ein breites Englisch, als hätte er ein Stück Fleisch im Mund.
Aber ein solcher Auftritt war ihr aus dem Benimm-Kurs, den sie nicht ohne
Grund besucht hatte, nicht unbekannt. Sie nahm sich ihr Handtäschchen und
bewegte sich in Richtung Fahrstuhl, um in ihr Zimmer zu gelangen.
,Irgendwie war das ein verkorkster Abend, `dachte sie und suchte nach ihrem
Zimmerschlüssel.
Sie war noch gar nicht müde, aber hüpfte nach einer oberflächlichen Toilette
ins Bett. Vorher holte sie sich noch einen Stadtführer aus dem Einkaufsbeutel,
den sie heute beim Bummeln mit allerlei Schnickschnack gefüllt hatte.
Das Buch, hatte sie erworben, weil sie nicht wusste, wie lange sie sich in dieser
großen Stadt aufhalten würde. In ihrem Gepäck steckte schon ein
ähnliches Büchlein, das allerdings schon etwas älter und vielleicht ist stellenweise
überholt war? Damit wollte sie den Tag beenden, aber da brummte ihr Handy:
„Bist Du noch wach?“, hörte sie die Stimme vom Dr.Horn.
„Nichts Besonderes, Du hast gleich mein SMS.“ fertigte sie den Störenfried ab.
Es dauerte nun auch nicht lange bis Monika die Nachttischlampelöschte.
Ist der Besuch von Fitness-Studios eine Mode?
Gut ausgeschlafen und durch Laufbänder gestärkt geht Monika zum
verabredeten Frühstück. Sie ist gespannt auf die Freunde des Mister John.
„Ich freue mich, dass Sie kommen“, mit diesen Worten kommt ihr Mister John
entgegen und stellt ihr die anderen vier Personen vor. Es sind eine Dame und
zwei Herren, die alle etwa 40 Jahre alt oder jung sind.
Wie immer beim Vorstellen: man kann sich nur den Namen des Neuankömmlings
merken, aber der versteht meist die Namen von den vier anderen nicht
oder will es auch nicht.
Es steht ein relativ großes Buffet im Frühstücksraum und wenigstens drei
Kellnerinnen bieten ihre Hilfe an. Das Angebot ist reichlich.
Erst lässt sich Monika an ihren Platz führen, legt ihre Tasche ab und geht
dann neugierig und hungrig zum Buffet.
Mister John ist offenbar bei guter Laune und will mit ihr schwatzen,
aber Monika übersieht ihn absichtlich.
,Er könnte mich doch erst mal vorstellen oder wenigsten mir etwas über
seine Freunde sagen`. Sie ist verstimmt.
Als könnte John Gedanken lesen, nimmt er Monika beim Arm und
geht auf seine Freunde zu:
„Darf ich vorstellen? Hier ist Monika aus Leipzig, seid nett zu ihr“.
War das alles?
„Ich möchte auch gern wissen, wer Ihre Freunde sind und was sie
beruflich machen“, sagt sie laut auf Deutsch, auch wenn das John
offensichtlich nicht gefällt
Nun stellt sich heraus, dass der dicke Mopps namens Bakker,
der Chef des Quorum Clubs in Washington D.C. ist und gleich
versucht, sich „vorzudrängeln“.
Der zweite wird Monkey gerufen und sieht auch wie ein Affe aus.
Er hat superlange Arme, aber ein freundliches menschliches Gesicht
und ist Diskjockey.
Der dritte könnte schwul sein, jedenfalls verfügt er über die für seine
Sorte Mann üblichen Hand- und Kopfbewegungen.
Der letzte Gast ist wirklich eine Frau. Sie ist unübersehbar hübsch
und kulturvoll gekleidet. Was heißt kulturvoll? Sie ist modern gekleidet
und sieht auf dem zweiten Blick nicht borniert aus, wie es Monika auf
den ersten Blick erschien. Diese Frau, Daniela, soll auch am abendlichen
Treffen teilnehmen, wie Mister John Monika zuflüstert.
Nun geht’s um das gemeinsame Frühstück und ums Abschätzen,
ob man Monika auch abends mitnehmen kann. Jedenfalls gewinnt
Monika einen solchen Eindruck.
Mister John macht Monika mit einigen Möglichkeiten vertraut,
sich auf Tanzveranstaltungen oder Partys mit der sogenannten Hight
Society bekannt zu machen. Unter den zu erwartenden Gästen seien
auch echte Amerikaner.
`Sie überlegt, warum er das wohl betont?´
Mister John bedankt sich bei allen betont freundlich und mit seinem
breiten Mund als hätte er einen Pferdeapfel im Mund.
Schließlich geht das gemeinsame Frühstück mit nichtssagenden
Gesprächen zuende und Monika ist wieder – etwas informativer -
in ihrem Hotelzimmer.
Monika sieht die Partyadressen durch und freut sich, dass auch eine
dabei ist, die mittags beginnt. Diese steuert sie an, nachdem sie
Dr.Horn ins Bild gesetzt hat.
Überrascht stellt sie fest, dass auch die beiden Damen der Frühstücksrunde
unter den Gästen sind und geht gleich auf die frauliche Dame zu.
„Welche Überraschung, dass wir den gleichen Wunsch hatten bei der
Auswahl unserer Nachmittagsbeschäftigung!“, so begrüßt Monika Daniela.
„Ich freue mich auch“, sagt diese und ergänzt“ Dann werden wir uns
bestimmt bei der Abendparty des Mister John gleich wohler fühlen, oder?“.
Sie konnten ihr Gespräch nicht weiterführen, denn ein großer gut
aussehender Deutscher forderte Daniela zum Tanz auf.
Bald wurde auch Monika aufgefordert. Es ist auch ein Deutscher,
ein Gentleman, der sie nicht nur zur Tanzfläche führt, sondern sie
auch mit lustigen Sprüchen voller Komplimente schier überschüttet.
Es stellt sich heraus, dass er aus Berlin stammt, nur geschäftlich in
Frankfurt ist und, um sich nicht zu langweilen, diese Nachmittagsparty
ausgesucht hat.
Er lässt Monika gar nicht zu Wort kommen. Er schwatzt und schwatzt,
ist aber nicht unsympathisch.
`Irgendwie hat er Ähnlichkeit mit meinem Max`, stellt sie für sich fest.
Dann-„Was haben Sie heute abends vor?“, die Frage war nicht schon
nach dem ersten gemeinsamen Tanz zu erwarten.
Verlegen wiegt Monika ihren Kopf und sucht nach einer glaubwürdigen
Ausrede. Sie kann, auch wenn sie es wollte, den Mann nicht mitnehmen,
obgleich sie es gern möchte.
Sie lenkt den sympathischen Tanzpartner mit der Bemerkung ab,
dass sie wohl früh zu Bett gehen würde.
Etwas Gescheiteres fiel ihr nicht ein.
Da kam ihr Daniela zu Hilfe. Sie wurde nach dem Tanz wieder zurückgebracht
und fiel ihr ins Wort: „Was denken Sie, wer das war?“. Ohne auf die Antwort
von Monika zu warten, plauderte sie weiter:
„Das ist ein Diplomat an der deutschen Botschaft in Washington!
Er ist nur in Frankfurt, weil alle auf Kennedy warten, der heute ankommen soll.“
„So, und was ist der Anlass?“, wollte Monika wissen.
„Das hat er nicht gesagt, und das habe ich nicht gefragt“, räumte Daniela
etwas beeindruckt, ein und fragte:
„Sind Sie auch heute zum Empfang von Kennedy eingeladen?“
„Also bis zur nächsten Party“, verabschiedete sich Monika und verschwand
auf ihr Zimmer, um auch noch Dr.Horn kurz zu informieren.
Dann war nicht mehr viel Zeit, um sich auf den wichtigsten Abend ihres
Aufenthaltes in Frankfurt vorzubereiten.
Schon nach einer Stunde war Monika mit ihrer Toilette und Ankleiden
fertig zum „Einsatz“.
Wäre sie nicht Atheist, müsste sie nun ein Stoßgebet gen Himmel schicken,
aber auf diese Idee kam sie nicht. Stattdessen blieb sie vor dem großen
Spiegel im Flur stehen und… dachte an ihren Max.
Abseits vom Alltagstrubel gab es einen mittelgroßen Raum, der als
Abendparty hergerichtet war. Mit Monika und Daniela gab es noch
eine dritte Dame und neben der stand Mister John und war in einem
Gespräch vertieft.
Dann kam Mister John auf Monika und Daniela zu und begrüßte sie
höflich, aber recht kurz.
„Ich möchte Sie beide mit Frau Ellen bekannt machen, die schon länger
in den USA weilt und nur wegen unseres großen Chefs hier in Frankfurt ist“.
Die Kellner öffneten in diesem Augenblick die Flügeltür und wer
betrat den Raum?
Mister Präsident kam ohne Begleitung und ließ sich die Damen vorstellen.
Was auch Mister John dienstbeflissen tat.
`Welch ein freundlicher Mann und in den besten Jahren!`, dachte Monika und
mit dem soll ich ins Bett? Wenn es guter Sex ist?,
na wenn schon.`

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Das Krokodil an der Schlafzimmerdecke

 

Es war nachts. Uropa  Max aus Deutschland, eingewandert, war wachgeworden und musste Pipi. Er knipste die Nachttischlampe an und als er noch so blinzelte, weil ihn das Licht blendete, fiel sein Blick an die Zimmerdecke. Und was sah sein erschrockener Blick: Dort saß ein graues Tier mit einem großen Kopf, einem langen Schwanz und mindestens sechs Beinen. Es sah gespenstisch aus.

Uropa schüttelte seinen Kopf.

„Ein Krokodil ? Auf La Palma?“

Etwas verstört suchte er seine Pantoffeln und schlurfte zur Toilette. Als er zurück kam, saß das Tier immer noch an der gleichen Stelle.

„ Hallo, wo kommst du denn her?“, flüsterte Uropa aufgeregt. „Was machst du in meinem Zimmer?“

„Mir gefällt es hier“, sagte das kleine Nachtgespenst und lachte. „Ich friere draußen und fürchte, dass mich die Katze der Nachbarin fressen könnte.“

Uropa nickte voller Verständnis und legte sich wieder in sein noch warmes Bett.

„Ob das Krokodil in mein Bett hopst und mich anfasst?“, murmelte Uropa vor sich hin und schaltete schnell die Nachttischlampe aus.

Nachdem sich seine Augen wieder an die Finsternis gewöhnt hatten, überlegte er sich, ob er das Gespräch mit dem Tier an der Decke jetzt fortsetzen sollte. Oder sollte er dafür lieber das Tageslicht abwarten?

Das Krokodil schaute ihn spitzbübisch mit seinen großen Augen an und fragte: „ Kannst du auch Spanisch?“

Der tat so als hörte er diese Frage nicht und stellte selbst eine:

„Warum bist du heute hier?“ Er bekam keine Antwort.

Uropa guckte verständnislos an die Zimmerdecke.

„Warum habe ich dich und deine Familie noch nie gesehen?“, lenkte er das Tier ab.

„Weil du den ganzen Tag an deinem Laptop sitzt und blind durch den Garten trabst und auf gar nichts achtest. Hast du schon die kleinen Kanarien-Vögel gesehen, die im Apfelsinenbaum piepsen oder den Sperber, der im Sturzflug aus dem Himmel auf die Mäuse herabstürzt?

Auf diese Weise holen sie sich ihr Futter und fressen eben Mäuse, leider auch manchmal uns!“

„In der Tat“, entgegnete Uropa und war etwas beschämt über seine  mangelnde Beobachtungsgabe.

„Wie kommst du in das Schlafzimmer?“, wollte der Uropa wissen.

„Haha, durch jede noch so kleine Ritze im Haus kommen wir durch“, sagte das Tier und reckte sich zu der stolzen Größe von mindestens 15 Zentimetern.

Uropa staunte. Wie sich der Kleine an der glatten Zimmerdecke festhielt!

„Fall bloß nicht herunter“, rief er fürsorglich ihm zu.

„Keine Bange. Kannst du das auch?“, fragte verschmitzt der kleine Kerl.

„Nein.“ Uropa kichert und denkt an seine recht steif gewordenen Beine und Arme.

„Woher kannst du so gut Deutsch, wo doch die Leute hier nur Spanisch sprechen?“

„Bevor du in dieses Haus eingezogen bist, wohnte hier Frau

Rosi, wie du weißt. Und diese Frau hat immer mit lauter Stimme Spanisch gelernt. Sie sprach immer ein Wort in Deutsch und

anschließend sagte sie das gleiche Wort in Spanisch oder in umgekehrter Reihenfolge. Diese Plapperei dauerte stundenlang und ging mir auf den Wecker. Aber so habe ich die Übersetzung gelernt. Zum Beispiel: der Kopf heißt auf Spanisch – la cabeza und die Apfelsine heißt la naranja. Die Kartoffel heißt la patata. Manchmal wird auch abgekürzt las papas –die Kartoffeln- gesagt.“

„Aber woher hast du Spanisch gelernt?“, bohrt Uropa weiter. Ihm war schleierhaft, wie ein Tier zwei Sprachen sprechen konnte, während er selbst sich noch nach Jahren nur gebrochen in Spanisch mit seinen Nachbarn unterhalten konnte.

„Meine Familie lebt schon viele Jahre auf der Insel und hat immer gut aufgepasst, was und wie die Bewohner der schönen großen Häuser miteinander sprechen. Und die Leute reden sehr laut und sind nicht zu überhören. Oder ist dir das  auch nicht aufgefallen?“

Dieser Feststellung musste Uropa zustimmen.

„Anfangs – als ich auf diese Insel mit einer Fähre angekommen bin – ist es mir wohl aufgefallen“, nickte Uropa mit dem Kopf.

„Hast du schon gehört, wie die Erde oft bebt und weißt du, woher diese Bewegung stammt?“Das Krokodil war offensichtlich froh gestimmt, weil sich ein alter Herr mit ihm auf ein Gespräch eingelassen hat.

„Davon habe ich nur gelesen. Auf der Nachbarinsel El Hierro ist ein Vulkan ausgebrochen. Aber ein Beben habe ich noch nie gespürt.“

„Ja, siehst du, das ist die Folge davon, dass ihr Menschen so laut miteinander redet und immer in Eile seid.“

Was man alles versäumt, wenn man so unaufmerksam im Garten umher geht oder auf die Dachterrasse steigt, um den Tisch zu decken, um beim Abendbrot gedankenlos auf das große Meer, das man den Atlantik nennt, zu schauen.

Uropa nahm sich jetzt fest vor, öfter und besser auf die Pflanzen und Tiere in seinem Garten zu achten.

Er wollte sich in der nächsten Zeit nicht wieder so blamieren und begann gleich sich der Bäume im Garten zu erinnern. Was stellte er fest?

Im Garten standen zwei große Apfelsinenbäume, zwei Pflaumenbäume, ein Feijoa-Strauch, ein Baum mit Avocados, zwei Papaya-Bäume, ein

Kirschbaum, vier Feigensträucher, ein Zitronenbaum und ein kleines Apfelbäumchen.

Und bevor er sich noch klar darüber werden konnte, was es sonst noch gab, war er eingeschlafen.

Am Morgen klingelt der Wecker so laut, dass nicht nur Uropa  aufwacht, sondern auch das Tier aufgeschreckt wurde und schnell an der Zimmerdecke entlang zur Fenstergardine flüchtete, um sich zu verstecken.

Aber Uropa entdeckte den langen Schwanz des Tieres und sechs, nein nur vier Beine. Zwei kürzere Vorderfüße und zwei längere Hinterfüße.

„Guten Morgen, Krokodil“, rief er gar nicht mehr ängstlich.

„Hast du gut geschlafen?“

Es kam keine Antwort. Plötzlich bewegen sich vier graugrüne Tiere hintereinander gereiht lautlos in Richtung Fenster.

Das größere Tier hob seinen platten Kopf stolz in die Luft und sah den Uropa vorwurfsvoll an.

„Nenn uns nicht immer Krokodile. Wir sind Haus- und Mauergeckos.Wir werden zukünftig hier nur herumstolzieren, aber nicht mehr eine einzige der vielen Fliegen und Spinnentiere wegfangen.“

Uropa war wegen dieser Demonstration der niedlichen Tiere sehr überrascht.

„Ich verspreche, mich zu bessern“, kam es kleinlaut aus seinem Munde.

„Man muss auch Tieren sich gegenüber respektvoll verhalten. Und das beginnt mit der richtigen Bezeichnung. Jeder fühlt sich verletzt, wenn ein anderer nicht einmal seinen richtigen Namen kennt.“

„Weißt du es nicht, dass die Inselmänner, wenn sie ein Haus fertiggebaut haben, sich einen von uns ins neue Haus holen? Frag mal deinen Nachbarn!“, schloss der Gecko das Gespräch ab.

Uropa geht in den Garten und legt sich völlig erschöpft von dem Schreck in der Nacht und seinen Folgen in die Hängematte und schläft ein.