Gesellenstück

„Der Antikommunismus ist die Grundtorheit unserer Epoche“
Thomas Mann

 

Das Wiedersehen*)
Noch heute  erinnere ich mich  an die Zeit vor dem ersten Schulbesuch.  Die Wohnung meiner Eltern war im Wedding, einem Berliner Stadtbezirk im Norden der Stadt. Ich spielte  gern auf der Straße vor dem vierstöckigem Mietshaus mit zwei Hinterhöfen gegenüber den Fabrikgebäuden der Lampenfirma Osram. Auf dem Gehweg der Fabrikgebäude stand eine große Holzkiste, die mit Sand gefüllt war. Im Winter wurde er zum Streuen gebraucht. Wir tobten um die Holzkiste  oft herum. Mal diente sie uns zum Klettern und Hinunterspringen, ein anderes Mal holten wir uns Sand mit  Schäuflein heraus und bauten uns kleine Sandburgen.
Einer der Jungen stand anfangs immer etwas abseits. Erst auf meine Frage, weshalb  er nicht mitspiele, taute er auf. Wir kamen  ins Gespräch über unsere Spielzeuge. Da ich eine metallene Modelleisenbahn zu Weihnachten bekommen hatte und fast täglich damit spielte, erzählte ich ihm davon. Siehe da: er hatte auch eine Modelleisenbahn, aber mit größerer Spurweite. Ich durfte in die Wohnung seiner Eltern, um sie anzuschauen. Die Wohnung war auch in der Liebenwalderstraße wie die meiner Eltern, die im Vorderhaus in der zweiten Etage lag. Die Wohnung seiner Eltern war zu ebener Erde und auf dem Hinterhof. Wir spielten von nun an oft mit seiner Eisenbahn. Zu mir durfte ich den freundlichen Jungen, wie auch schon andere Kinder, nicht mitbringen. Eines Tages kam der Junge auf mich zu und stellte mir bedrückt die Frage, ob ich vielleicht seine Eisenbahn unentgeltlich abnehmen würde. Seine Eltern würden umziehen und für seine Spielsachen wäre auf der Reise kein Platz. Klar, das Geschenk nahm ich gern an. Die Freude währte nicht lange, weil meine Mutter sagte, ich müsse das fremde Spielzeug wieder zurückgeben. Das tat ich schweren Herzens. Sie hatte  mir nicht erklärt, weshalb sie mich so kränkte. Kurze Zeit später wollte ich wieder zu dem Jungen auf den Hinterhof, um ihn zum Spielen auf die Straße zu holen. Aber die Wohnungstür stand offen und die Wohnung war leer. Weder Möbel, noch die Familie waren zu sehen. Ich hörte die Erwachsenen flüstern, dass  „die Juden“ abtransportiert worden seien. Das sei auch mit vielen anderen Familien so geschehen, nicht nur mit der Familie des netten Jungen.
Was hatten die Juden getan? Mir war klar, dass es sich nicht um Diebe oder Räuber handelte. Meine Mutter, die mir sonst  immer alle meine Fragen verständlich beantwortete, seufzte nur und verwies darauf, dass ich das erst später, wenn ich älter  geworden wäre, verstehen würde.
Viele Jahre später kam ich auf dieses unvollständige Gespräch mit Mutti zurück. Der Blockwart- ein von den Nazibehörden eingesetzter Spitzel – hätte uns beobachtet. Und der hatte den Umgang der Jungen untersagt unter Androhung einer Straf-Anzeige … mehr sagte sie nicht.
Ich wollte 1963 einen Kongress in Warschau besuchen, um meine empirischen Ergebnisse zur Untersuchung von Havarien zur Diskussion zu stellen. Die Reise brachte ein erneutes entsetzliches Erlebnis. Neben dem wissenschaftlichen Kongress gab  es  die Möglichkeit, an einer Nachkongressreise teilzunehmen. Diese Fahrt führte  auch nach Krakau und ermöglichte eine Besichtigung  von Oswiecim (Auschwitz).
Mit Herzklopfen betrat  ich die   das als Gedenkstätte ausgestaltete ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Wir waren  tief erschüttert darüber, was wir  dort zu sehen bekamen.  An Originalschauplätzen wurden wir informiert über die damals vom faschistischen Regime begangenen Verbrechen an Menschen, die weiter nichts taten, als von Geburt an Juden zu sein und als polnische oder russische Arbeiter und in anderen Berufen ihr Leben zu führen, ihre Familie zu entwickeln und mit mehr oder weniger Intensität ihrem  Glauben mit den dafür ererbten Bräuchen zu dienen… Ich erschaudere noch heute:  Hinter großen Glasscheiben waren die Räume zu sehen,  in denen aufgestapelt Berge von abgeschnittenen Haaren oder auch ausgeschlagene ganze Kiefer gestapelt waren … An den Wänden der finsteren Baracke waren großformatige Fotos angebracht, die Menschen zeigten, die in die Gaskammern getrieben wurden. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen: Auf dem einen Foto war der Junge aus der Liebenwalderstrasse  an der Hand seiner Mutter zu sehen. Er war also auch ins Gas  in den Tod gebracht  worden.
Ich kann es nicht verstehen, dass es auch heute noch  Verfechter dieses Gedankenguts in Deutschlands gibt  deren umfassendstes Verbot nicht im Grundgesetz verankert ist. Dann würde es den Gerichten viel leichter fallen,  neofaschistische  Aktivitäten aller Art zu verbieten. Ein einfacher Satz würde genügen:„In jeder Form werden Kriegshetze und Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass als Verbrechen geahndet.“

*) prämiiert im Wettbewerb der Schule des Schreibens
Das Urteil zum Wettbewerbsbeitrag „Das Wiedersehen“
Hier zeigt sich ein Talent für das biografische Schreiben – zu leicht verfällt man ja ins träge chronologische Aneinanderreihen. Nicht so in diesem Text, der mit geschickten Rückblenden von einer abrupt endenden Freundschaft zwischen einem jüdischen und einem nicht-jüdischen Kind erzählt und durch intelligenten Spannungsaufbau – obwohl dem Leser das Unvermeidliche schon klar ist – den Schock des Ich-Erzählers am Ende sehr plastisch macht.

Das Krokodil an der Schlafzimmerdecke
Es war nachts. Uropa  Max war wachgeworden und musste Pipi. Er knipste die Nachttischlampe an und als er noch so blinzelte, weil ihn das Licht blendete, fiel sein Blick an die Zimmerdecke. Und was sah sein erschrockener Blick: Dort saß ein graues Tier mit einem großen Kopf, einem langen Schwanz und mindestens sechs Beinen. Es sah gespenstisch aus.
Uropa schüttelte seinen Kopf.
„Ein Krokodil ? Auf La Palma?“
Etwas verstört suchte er seine Pantoffeln und schlurfte zur Toilette. Als er zurück kam, saß das Tier immer noch an der gleichen Stelle.
„ Hola, wo kommst du denn her?“, flüsterte Uropa aufgeregt. “Was machst du in unserem Zimmer?“
„Mir gefällt es hier“, sagte das kleine Nachtgespenst und lachte.„Ich friere draußen und fürchte, dass mich die Katze der Nachbarin fressen könnte.“
Uropa nickte voller Verständnis und legte sich wieder in sein noch warmes Bett.
„Ob das Krokodil in mein Bett hopst und mich anfasst?“, murmelte Uropa vor sich hin und schaltete schnell die Nachttischlampe aus.
Nachdem sich seine Augen wieder an die Finsternis gewöhnt hatten und seine Frau Anna nach wie vor leise vor sich hinschnarchte, überlegte er sich, ob er das Gespräch mit dem Tier an der Decke jetzt fortsetzen sollte. Oder sollte er dafür lieber das Tageslicht abwarten?
Das Krokodil schaute ihn spitzbübisch mit seinen großen Augen an und fragte:
„Seit wann darfst du bei Anna im Bett liegen?“
Dass hatte noch niemand gewagt zu fragen, seit er geheiratet hatte.
Er tat so als hörte er diese Frage nicht und stellte selbst eine:
„Woher kennst du meine Frau?“
„Sie füttert mich und meine große Familie oft mit frischem Obst, obwohl Obst nicht unsere Lieblingsspeise ist. Zurzeit werden doch die Fe i j o a s reif und deshalb schüttelt sie den großen Strauch. Dann fallen die reifen gelben Früchte auf die Erde. Auf die Zweige des Busches können wir nicht klettern, weil unsere Füße nur auf Flächen und nicht auf runden Zweigen haften, verstehst du?“
Uropa guckte verständnislos an die Zimmerdecke.
„Warum habe ich dich und deine Familie noch nie gesehen?“, lenkte er das Tier ab.
„Weil du den ganzen Tag an deinem Laptop sitzt und blind durch den Garten trabst und auf gar nichts achtest. Hast du schon die kleinen Kanarien-Vögel gesehen, die im Apfelsinenbaum piepsen oder den Sperber, der im Sturzflug aus dem Himmel auf die Mäuse herabstürzt? Auf diese Weise holen sie sich ihr Futter und fressen eben Mäuse, leider auch manchmal uns!“
„In der Tat“, entgegnete Uropa und war etwas beschämt über seine  mangelnde Beobachtungsgabe.
„Wie kommst du in unser Schlafzimmer?“, wollte der Uropa wissen, „wo doch die Fenster nachts verschlossen sind“.
„Haha, durch jede noch so kleine Ritze im Haus kommen wir durch“, sagte das Tier und reckte sich zu der stolzen Größe von mindestens 15 Zentimeter.
Uropa staunte. Wie sich der Kleine an der glatten Zimmerdecke festhielt!
„Fall bloß nicht herunter“, rief er fürsorglich ihm zu.
„Keine Bange. Kannst du das auch?“, fragte verschmitzt der kleine Kerl.
„Nein.“ Uropa kicherte und dachte an seine recht steif gewordenen Beine und Arme.
„Woher kannst du so gut Deutsch, wo doch die Leute hier nur Spanisch sprechen?“
„Bevor du mit Anna in dieses Haus eingezogen bist, wohnte hier Frau
Rosi, wie du weist. Und diese Frau hat immer mit lauter Stimme Spanisch gelernt. Sie sprach immer ein Wort in Deutsch und
anschließend sagte sie das gleiche Wort in Spanisch oder in umgekehrter Reihenfolge. Diese Plapperei dauerte stundenlang und ging mir auf den Wecker. So habe ich die Übersetzung gelernt. Zum Beispiel: der Kopf heißt auf Spanisch – la cabeza und die Apfelsine heißt la naranja. Die Kartoffel heißt la patata. Manchmal wird auch abgekürzt las papas –die Kartoffeln- gesagt.“
„Aber woher hast du Spanisch gelernt?“, bohrte Uropa weiter. Ihm war schleierhaft, wie ein Tier zwei Sprachen sprechen konnte, während er selbst sich noch nach Jahren nur gebrochen in Spanisch mit seinen Nachbarn unterhalten konnte.
„Meine Familie lebt schon viele Jahre auf der Insel und hat immer gut aufgepasst, was und wie die Bewohner der schönen großen Häuser miteinander sprechen. Und die Leute reden sehr laut und sind nicht zu überhören. Oder ist dir das  auch nicht aufgefallen?“
Dieser Feststellung musste Uropa zustimmen.
„Anfangs – als ich auf diese Insel mit einer Fähre angekommen bin – ist es mir wohl aufgefallen“, nickte Uropa mit dem Kopf.
„Hast du schon gehört, wie die Erde oft bebt und weißt du, woher diese Bewegung stammt?“Das Krokodil war offensichtlich froh gestimmt, weil sich ein alter Herr mit ihm auf ein Gespräch eingelassen hatte.
„Davon habe ich nur gelesen. Auf der Nachbarinsel El Hierro ist ein Vulkan ausgebrochen. Aber ein Beben habe ich noch nie gespürt.“
„Ja, siehst du, das ist die Folge davon, dass ihr Menschen so laut miteinander redet und immer in Eile seid.“
Was man alles versäumt, wenn man so unaufmerksam im Garten umher geht oder auf die Dachterrasse steigt, um den Tisch zu decken, um beim Abendbrot gedankenlos auf das große Meer, das man den Atlantik nennt, zu schauen.
Uropa nahm sich jetzt fest vor, öfter und besser auf die Pflanzen und Tiere in seinem Garten zu achten.
Er wollte sich in der nächsten Zeit nicht wieder so blamieren und begann gleich sich der Bäume im Garten zu erinnern. Was stellte er fest? Im Garten standen zwei große Apfelsinenbäume, zwei Pflaumenbäume, ein Feijoa-Strauch, ein Baum mit Avocados, zwei Papaya-Bäume, ein Kirschbaum, vier Feigensträucher,
ein Zitronenbaum und ein kleines Apfelbäumchen.
Uropa musste sich eingestehen, dass er zwar immer im Auftrag von Anna die Früchte der Bäume und Sträucher abgeerntet hat, weil er die reifen, meist farbigen Früchte erkannte.
Und bevor er sich noch klar darüber werden konnte, was es sonst noch gab, war der Traum zu Ende.
Der Wecker klingelt so laut, dass nicht nur Uropa und Anna aufwachten, sondern auch das Tier aufgeschreckt wurde und schnell an der Zimmerdecke entlang zur Fenstergardine flüchtete, um sich zu verstecken.
Uropa zeigte seiner Frau das Tier, von dem hinter der Gardinenstange nur noch der Schwanz zu sehen war und erzählte ihr in Bruchstücken sein Nachterlebnis.
„Guck mal, da sitzt ein Krokodil. Es hat einen großen Kopf, einen langen Schwanz und sechs …nein nur vier Beine. Zwei kürzere Vorderfüße und zwei längere Hinterfüße“, schilderte er aufgeregt.
Anna kannte das Tier  schon seit Wochen. Sie freute sich diebisch darüber, dass es Uropa so durchschaut hatte.
Oft hatte sie diese kleinen Tiere im Haus gesehen. Manchmal in der Toilette beim Fliegen fangen, auch im Salon, wo sie den Spinnen und Mücken hinterher schlichen und blitzschnell zuschnappten.
Anna hatte es unverständlicherweise für sich behalten. Gefallen hatte es ihr, dass nicht nur Katzen und Hunde als Haustiere in ihrer Umgebung lebten, wie die braunweiß gefleckte Katze von der Nachbarsfrau, die öfter durch ihren Garten flitzte. Und die drei kanarischen Windhunde des Weinlokal-Besitzers aus Tijarafe, die im Zwinger hinter ihrem Haus saßen. Sie bellten besonders laut, wenn sie  donnerstags und sonntags zur Jagd auf Kaninchen mitgenommen wurden.
Neben den Obstbäumen wuchsen viele wunderschöne bunte Blumen im Garten.
Besonders fallen die Rosen, Nelken und Orchideen auf, die auch im Januar und Februar blühen. Die Strelitzen, Paradiesvogelblumen genannt, blühen ohne Pause das ganze Jahr über, weil es hier ja nie Schnee und Eis gibt, sondern es immer warm ist und Anna die Pflanzen regelmäßig wässert.
Anna krabbelte aus dem Bett, machte ihre Morgentoilette und bereitete das erste Frühstück vor. Uropa musste sich sputen, damit  auch er geduscht und mit frisch geputzten Zähnen in den Salon kommt. Man muss pünktlich sein. Schließlich darf man den gut riechenden Früchte-Tee nicht kalt werden lassen. Als sie gerade frühstückten, lachte Anna plötzlich und zeigte nach oben an die Zimmerdecke.
„Da ist Teo mit seiner Familie!“ Dort bewegten sich vier graugrüne Tiere, hintereinander gereiht, lautlos in Richtung Fenster. Teo, so nannte Anna das größere Tier, hob seinen platten Kopf stolz in die Luft und sah den Uropa vorwurfsvoll an.
„Oh, guck mal, die Krokodile“, sagte Uropa.
„Nenn uns nicht immer Krokodile. Wir sind Haus- und Mauergeckos.Wir werden zukünftig hier nur herumstolzieren, aber nicht mehr eine einzige der vielen Fliegen und Spinnentiere wegfangen!“
Uropa war wegen dieser Demonstration der niedlichen Tiere sehr überrascht.
„Ich verspreche, mich zu bessern“, kam es kleinlaut aus seinem Munde.
„Man muss auch Tieren sich gegenüber respektvoll verhalten. Und das beginnt mit der richtigen Bezeichnung. Jeder fühlt sich verletzt, wenn ein anderer nicht einmal seinen richtigen Namen kennt.“
„Auf jeden Fall nennen wir Euch so, wie Ihr es wollt“, warf Anna dazwischen. Der Gedanke, dass die Fliegen und Mücken und Spinnentiere sie nachts überfallen könnten, schaffte ihr schon jetzt schlaflose Nächte.
„Wisst Ihr es nicht, dass die Inselmänner, wenn sie ein Haus fertiggebaut haben, sich einen von uns ins neue Haus holen? Fragt mal euren Nachbarn!“, schloss Teo das Gespräch ab.
Uropa ging in den Garten und legte sich völlig erschöpft von dem Schreck in der Nacht und seinen Folgen in die Hängematte und schlief ein.

 

Bild_homepage

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>